Steinbrück braucht die Wagenburg

Steinbrücks Wahlkampf hat ein Problem. Der Eindruck einer Fettnäpfchen-Kampagne hat sich bereits tief in das öffentliche Bewusstsein eingegraben. Vermeintliche Gründe wären: das Blog-Debakel, das Bankenpferd scheint schon vor dem Start totgeritten (“Ich bin kein Knecht des Kapitals”, siehe auch “Niemand hat die Absicht, rosa Elefanten zu züchten” aus diesem Blog), zuletzt ein fragwürdiges Facebook-Lob und die sofortige Defensive beim Wahlkampf-Slogan „Das Wir entscheidet“.

Was ist die Ursache? Meiner Meinung nach: Steinbrück hat nie die Kontrolle über sein öffentliches Bild gewonnen. Alles, was ihn ausmacht und ausmachte, wird gegen ihn verwendet. Er wirkt ein wenig wie der Anführer eines Treks in den wilden Westen, der auf der Reise ständig angegriffen wird und vom Weg abkommt. Jede Bewegung wird vom Terrain, vom Wetter, vom Gegner oder den eigenen Leuten erschwert. So wird er das Ziel zerfleddert erreichen. Denn ihm kommt wahrscheinlich keine Kavallerie zu Hilfe.

Die Lösung des Teams Steinbrück war wie aus dem Lehrbuch. Es versucht, das vermeintliche Problem zu einer Stärke zu machen: Klartext reden und das als Markenkern entwickeln – der gegen die Zauderin Merkel steht. Leider gebären die „Klartext“-Veranstaltungen häufig neue Fettnäpfchen. Der Ablauf ist immer gleich: Steinbrück setzt die Agenda. Die Medien zerpflücken das Thema und zwingen ihn in die Defensive. Beispiele hierfür sind getrennter Sportunterricht, italienische Clowns, Pinot Grigio für fünf Euro, Merkels Frauenbonus und das Kanzlergehalt. Oder, um im Bild zu bleiben: Der Führer des Treks verkündet einen neuen Weg durch die Berge – aber dort stehen schon die Indianer und johlen direkt nach der Ankündigung.

Wie könnte ein Lösung aussehen?  Drei Dinge.

1. Ruhe bewahren. Journalisten werden bald anfangen, sich zu langweilen. Die Fettnäpfchen-Geschichte wird alt, und eine neue Story muss gefunden werden. Darauf muss Steinbrück vorbereitet sein und dann Inhalte parat haben.

2. Das Prinzip „Klartext“ auch im Kleinen pflegen. Nach vorne. Am Beispiel Wahlkampfslogan (“Das Wir entscheidet”) erklärt: Jemand, der handelt und denkt wie ein besonders fieser Journalist, hätte zu diesem Slogan recherchieren müssen. Herausfinden, dass auch eine Zeitarbeitsfirma ihn benutzt. Und dann an die Presse gehen mit dem Tenor: Wir holen das „Wir“ zurück und gehen bewusst in die Konfrontation mit der Zeitarbeitsfirma. So hätte Steinbrück offen und – vor allem – belegbar den Konflikt mit der Branche gesucht, die von seiner Wählerklientel gehasst wird. Er wäre der Führer des Treks, der sagt: „Ich weiß, dass da Indianer stehen. Deshalb gehen wir ja dahin!“. Der Slogan hätte sofort gewirkt. Auch ein kleiner Angriff wie der Eilantrag der Grünen bezüglich der Frauenquote hätte wohl gut getan.

3.  Argumente finden. Steinbrück wird nicht als „neu“ wahrgenommen – er ist ein altes Gesicht einer alten Partei, die die meisten der aktuellen Gesetze mitgeprägt hat. Er braucht neue, spannende und anziehende Gedanken, die den Diskurs langfristig prägen können. Und das in seinem Duktus, seiner Sprache – also mit Klartext. Wichtig: Er muss ein eigenes Bild aufbauen von seiner Politik und seiner Persönlichkeit, das auch ohne Abgrenzung zu Merkel funktioniert. Eines mit positiven Inhalten, das für sich selbst steht – und stabil bleibt. 

Er muss eine Wagenburg bauen. Erstens also Ruhe bewahren und Kräfte sammeln. Zweitens die passende Antwort in Zeiten der Krise parat haben – und auf diese Weise Aktivität beweisen. Und drittens gibt die Wagenburg nach innen Sicherheit, sie vermittelt Gemeinschaft und Stärke. Das ist wichtig für einen Wahlkampf. Dass sie dabei von außen als verschlossen wahrgenommen wird, ist kein Nachteil, sondern Sinn der Sache.

Am Ende ringt sie den Gegnern Respekt ab – und wenn der wieder da ist, kann Steinbrück weiterziehen. Um als erprobter Anführer in den Ring mit Merkel zu steigen und aus dieser Sicherheit heraus die entscheidenden TV-Duelle zu bestreiten. Denn der Wahlkampf ist noch lange nicht vorbei – es wird noch viel passieren. Und dafür gilt es, Stärke zu zeigen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>