Herr Matussek ist tatsächlich homophob

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Ist das liberal oder kann das weg? erschienen.

Matussek versucht mal wieder wie Martenstein zu schreiben … leider geht’s schief. Man verzeihe ihm die polemisch-kokette Überschrift („Ich bin wohl homphob. Und das ist auch gut so“). Die ist in der Tat eine intellektuelle Glanzleistung. Aus der Begründung des sogenannten Publizisten M. geht dann nämlich hervor, dass er ja gar nicht homophob sei, sondern die überkorrekte Gesellschaft das in seine legitime objektive Beobachtung hinein interpretiere. Armer Matussek. Aber stimmt die Begründung? Wenn nicht, verlöre die Überschrift ein wenig von ihrer Kokette und würde echt homophob, in Matusseks Fall schwulenfeindlich.

Kinder machen sei entscheidend

Wie also begründet M. seine Haltung? Kurz und knapp:

Toleranz für Homosexuelle: Macht Matussek Häkchen dran.

Akzeptanz für Homosexuelle: Macht Matussek kein Häkchen dran.

Begründung: Schwule können halt keine Kinder machen und sind daher biologisch “defizitär”, das sei objektiv richtig und das müsste man halt einfach akzeptieren. Und vor allem Schwule müssten das doch sehen – die Existenz schwuler Pantoffeltierchen hin oder her.

Schön und gut. Ganz abgesehen davon, dass „Kinder machen“ heutzutage weder für die Altersvorsorge nötig ist noch das Aussterben der Menschheit droht: Es ist immerhin logisch.

Schwulenfeindlich ist wer schwulenfeindliches tut

Ist diese logische Einstellung also „homophob“, in Matusseks Fall: Schwulenfeindlich? Schwulenfeindlich sind alle Taten, die dafür sorgen, dass Schwule es im Alltag schwerer haben als nicht-schwule – und zwar weil sie schwul sind.

Ich stelle mal eine  These auf: „Wenn Menschen eine latente Meinung haben, so verstärkt sie sich, wenn sie sie öffentlich lesen.“ Ich gehe nicht davon aus, dass Meinungen durch Artikel geändert werden. Wenn also das Welt-Publikum Matusseks Zeilen liest, werden diejenigen darunter mit einem leicht homophoben Grundgefühl nicht umhin kommen, M.s Argumente bei passenden und unpassenden Gelegenheiten zu wiederholen und für noch wahrer zu halten.

Ich stelle noch eine These auf: „Je mehr Menschen glauben, dass Schwule weniger wert sind, desto mehr Menschen werden Schwule so behandeln, als wären sie weniger wert.“  Wenn der sogenannte Publizist M. seinen Beruf also tatsächlich ernst nähme, muss er annehmen, dass seine Worte publik sind, ein Publikum erreichen und in den Köpfen ein Zuhause finden und dort zur politischen Willensbildung beitragen.

Das heißt: Die Einstellung allein ist nicht homophob – wohl aber ihre unkommentierte Publizierung.

Wenn also viele Menschen glauben, Homosexuelle seien „defizitär“ und das zur Schau tragen dieser Meinung irgendwie cool weil gegen den Mainstream wäre, werden Homosexuelle mit einem Defizit konfrontiert, an dem sie nichts, aber auch gar nichts, ändern können. Sie sind weniger wert und fühlen sich weniger wert. Sie werden zu Menschen zweiter Klasse. Und warum? Weil es jemanden gibt, der diese Meinung ungefiltert publiziert.

Wenn also Matussek von jemandem gelesen wird, muss Matussek das mitdenken.

Wichtige Frage an dieser Stelle:  Aber darf man denn logische Argumente nicht mehr öffentlich sagen, Marcus? Ja, klar darf man das. Muss dann aber damit leben, dass sie neben ihrer inhärenten Logik auch eine soziale Wirkung haben, die möglicherweise unerwünschte Konsequenzen hat. Klug wäre, die Logik zu einzuordnen.

Warum nicht: „Homosexuelle können keine Kinder machen. Und das hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun, ob sie als Mensch genauso viel gelten wie alle anderen. Das haben sie mit Unfruchtbaren, Singles oder DINKs gemeinsam. Alle Menschen lieben gleich.“ Ist jetzt auch nicht das Gelbe vom Ei, aber zeigt wenigstens Verantwortung für die eigenen Worte und entkräftet die Relevanz des scheinbaren “Defizits”. Und entlarvt: Es geht halt doch um ein kleines Unwohlsein in der Magengegend beim Gedanken an „schwul“ und nicht um Logik.

Herr Matussek, Sie sind wirklich homophob. Und das ist schlecht.

Die Gesellschaft hat verstanden, dass Worte zu Meinungen zu Taten führen. Sie duldet keine Menschen zweiter Klasse mehr und bedenkt  daher Menschen, die dagegen verstoßen, mit ächtenden Adjektiven. Herr Matussek, sobald sie der Meinung sind, Schwule hätten ein „Defizit“ und sie das publizieren, sind sie schwulenfeindlich. Und es wird Ihnen nicht gelingen, dieses Adjektiv zu ent-ächten.

Oder wie mein Freund Tobi schön gesagt hat: “Das stimmt natürlich bei vielen dieser “darf man ja nicht mehr sagen”-Fraktion, daß sie nicht verstehen, daß sie dürfen, aber daß das dann eben auch bedeuten kann, daß man sie als homophob, sexistisch, usw. bezeichnet. Logisch daher auch Mattusseks Versuch, den Begriff “homophob” zu resozialisieren.”

Und, Herr Matussek, Glückwunsch für den kalkulierten Shitstorm. Ist eine wunderbare Art, auf den Kosten einer sich zart normalisierenden gesellschaftlichen Gruppe beim neuen Arbeitgeber zu profilieren.

Schwulenfeindlichkeit ist nicht liberal und kann weg. 

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