FickdeiMudda gegen Lanz: Spreng fordert Vermummungsverbot gegen schlechtes Benehmen

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Ist das liberal oder kann das weg? erschienen.

Lanz steht am Pranger. Wo? Auf den Titelseiten der Printmedien, online und offline, prangen Schlagzeilen, die seine Kompetenz in Frage stellen. Warum? Er sei ein schlechter Journalistendarsteller. Die Artikel unter den fetten Buchstaben allerdings verteidigen ihn meist. Die Journalisten dahinter beschweren sich darin unter anderem darüber, dass sie durch eine stetig wachsende Online-Petition dazu gezwungen würden, diese Geschichte auf die Agenda zu setzen. Und das, obwohl diese gerade deshalb wächst, weil sie sie ständig auf die Agenda setzen. Aber sei’s drum: Die Medien haben halt die Zirkelschluss-Toleranz eines erfahrenen Jahrmarkt-Paradoxers.

Nun ist es für Markus Lanz zweifelsohne unangenehm, die rauschende Kritik im Blätterwald hören zu müssen, ist aber gewiss Teil seines ebenso zweifelsohne angenehm vergüteten Berufs. Und hier wäre jetzt eigentlich Schluss mit der Geschichte. Aber die ersten sogenannten Meinungsführer fordern nun ein „Vermummungsverbot im Internet“, so auch der geschätzte Michael Spreng auf seinem konservativen Blog. Und hier sollten Liberale aufhorchen.

Was wäre ein Vermummungsverbot im Internet?

Herr Spreng erinnert daran, dass in der BRD seit 1985 bei Demonstrationen die Vermummung verboten ist. Und fordert implizit das Gleiche für Online-Petitionen, da eine Stimme von „FickdeiMudda“, wie er sagt, nicht genauso viel zählen dürfe, wie die eines ernsthaften Unterzeichners. Abgesehen davon, dass nicht die 220.000 Unterzeichner das Thema groß machten, sondern Journalisten, die Markus Lanz wohl eins auswischen wollten: Was würde das bedeuten, ein Vermummungsverbot im Internet?

Wer ein Vermummungsverbot im Internet mit einem Vermummungsverbot bei einer Demonstration vergleicht, hat die ungeheure Tragweite des Internets schlicht nicht verstanden. Wäre jeder Internetnutzer gezwungen, mit Klarnamen bei einer Petition aufzutreten, wäre das analog zur einer Namensschildpflicht bei jeder Demonstration, gefolgt von einem ewigen Aushang über die eigene Teilnahme in jedem Rathaus der Welt, sowie einer vollständigen Audioaufnahme aller Sprechchöre, die man während der Demonstrationen mitgesungen hat. Und falls man irgendwann nicht mehr damit einverstanden ist, dürfte man selbstredend klagen, und dann verschwänden zumindest die Aushänge aus den deutschen Rathäusern. Das ist das Internet.

Und für immer in Benthams Panopticon

In Zukunft wird die Welt digital funktionieren: Alles wird irgendwie durch Programme gefiltert, die etwas erlauben. Oder eben nicht. Alles wird irgendwie festgehalten, ob durch Unternehmen oder Staaten. Und irgendwie ausgewertet. Bei einem umfassenden Vermummungsverbot wäre das jeder Kommentar im SPON-Forum, jede Petition bei openpetition, der Ebay-Kauf am Sonntag. Das würde – besonders für öffentliche Figuren – bedeuten, dass jeder sich entweder nie online bewegen sollte oder schon als Jugendlicher immer in grob gesellschaftlich akzeptablen Rahmen handeln müsste. Das ist das Terror-Gefängnis, das sich einst Bentham erdachte.

Nun sind das Einschränkungen, die ein echter Konservativer mit einem Schulterzucken beantwortet. Aber jeder andere weiß: Wer dafür sorgt, dass Menschen nie die Freiheit haben, sich zu ändern, neu anzufangen, Dummheiten zu machen oder einfach mal Dampf abzulassen, nimmt Menschen die Freiheit, sich selbst neu zu definieren. Er zwingt Menschen, auf immer Gefangene ihres vergangenen ichs zu werden. Und das ist genauso falsch, wie Gefangene eines beliebigen anderen Individuums zu sein.

Wer, so wie Michael Spreng ab nächsten Monat, Kommentare auf seiner Website nur verpflichtend mit Klarnamen gestattet, verhindert echte Ehrlichkeit und bekommt glatt gespülte Meinungen. Und das nur, weil Meinungen seiner Ansicht nach zu unhöflich vorgetragen werden. Ich finde das ein wenig drakonisch.

Werter Herr Spreng: Wer Meinungsfreiheit möchte, muss Anonymität fördern. Vermummungsverbot im Internet ist nicht liberal und kann weg.

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