Die Bahn schickt Kofferträger ins Asylantenheim zurück.

Flüchtlinge helfen am Bahngleis
- Gmündner Tagespost, 22.07.

Asylbewerber in Schwäbisch Gmünd: Kofferschleppen für € 1,05 / h
- Spiegel Online, 23.07

Bahn lässt Asylbewerber keine Koffer mehr tragen
-Spiegel Online, 24.07.

Bahn stoppt Kofferträger-Projekt mit Asylbewerbern
- Welt Online, 24.07.

Bahn zieht sich von Gmünder Initiative mit Asylbewerbern zurück
- Schwäbische Post, 24.07.

Zwischen dem 22.07. und dem 24.07 hat die Bahn Entscheidungen getroffen. Der Grund: Fremdenfeindliche Geschmäckle. Doch von wem? Ein Lehrstück.

In Schwäbisch Gmünd wird der Bahnhof umgebaut. Die Rolltreppen laufen nicht, es gibt eine Brücke, die man hinauf und wieder hinab steigen muss. Es ist Hochsommer. Alte und Kranke leiden unter ihren schweren Koffern. Die Stadt handelt: Asylbewerber, die in Deutschland nur wenige Jobs zu gedeckelten Stundenlöhnen machen dürfen, werden gefragt, ob sie tragen helfen mögen. Sie mochten. Sie bekamen Busticket, Sonnenhütte und Sonnenhüte aus Stroh und ein rotes “Service”-T-Shirt. Stundenlohn: € 1,05, plus Trinkgeld.

Quelle: dpa

Quelle: dpa

So weit, so gut. Die Gmündner Tagespost berichtet durchweg positiv. Erst Spiegel Online lässt ein Geschmäckle aufkommen. Das Wort “Hilfe” verschwindet. Stattdessen taucht das Wort “Kofferschleppen” in Verbindung mit geringem Lohn auf. Bahn-Sprecherin Luisa Gunga sagt am 23.07 noch:

Die Kofferträger werden super angenommen

Unter dem Artikel entflammt eine Diskussion mit 162 Kommentaren (Stand: Do, 25.07.13). Auch bei Twitter und Facebook geht es rund. Insbesondere Menschen aus dem Linken Spektrum der Parteienlandschaft monieren, dass damit Assoziationen an Sklaven-Arbeit ausgelöst werden und das unwürdig wäre. Eine Bundestagsabgeordnete der Linken, Ulla Jelpke, redet von “Kolonialherrenart”.

Besonders stößt der Strohhut auf, Andreas L. schreibt in Facebook: man sollte  ”vielleicht nochmal die Optik von Strohhut tragenden schwarzen Dienern für weiße Reisende überdenken …” und postet dieses Bild.

Das Thema wird heikel. Und, schlimm genug, es ist auch noch Sommerloch – selbst kleine Themen können tagelang die Medien beherrschen. Nichts, was die PR-Abteilung der Bahn gerade gebrauchen kann.

Die Bahn beschließt: Das ist zu heikel. Bahn-Sprecher Martin Schmolke sagt, der Stundenlohn von € 1,05 sei neu.

“Die konkreten Beschäftigungsbedingungen sind der Deutschen Bahn erst jetzt bekannt geworden.”

Ein logische Hintertür, die wohl glaubwürdig genug erscheint. Ab jetzt werde die Aufgabe des Koffertragens von Bahn-Mitarbeiten wahrgenommen, die nach Tarif bezahlt werden.

Was bleibt, sind lange Gesichter bei der Stadt und den Asylbewerbern. Der Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold ist “enttäuscht und traurig“, die Asylbewerber sind niedergeschlagen: “Das Enttäuschendste ist, rumzusitzen und nichts zu tun“, werden drei Männer aus Nigeria zitiert. “Wir machen das freiwillig. Erst kommt die Menschlichkeit für uns. Das Geld kommt für uns an letzter Stelle”. Bernd Sattler vom Arbeitskreis Asyl in Gmünd befürwortet die Aktion ebenfalls.

Die Entscheidung der Bahn war trotzdem richtig. So macht sie sich unangreifbar. Denn jede Kritik, die nun geäußert wird, muss sich auf die Asylgesetze richten, die die Höhe der Löhne deckeln. Die Bahn will ja, kann aber nicht. Schade ist es trotzdem.

Im Kern haben Menschen Angst gehabt, Rassisten zu sein, wenn Asylbewerber mit Strohhüten Koffer tragen. Und die Bahn musste sich vor den Menschen mit dieser Angst schützen, indem sie die Asylbewerber aus der Gleichung entfernt hat. Paradox: Jetzt leiden Asylbewerber unter Anti-Rassisten.

Die Bahn musste handeln, wie sie gehandelt hat – aber ich persönlich finde es trotzdem schade.

Dieser Beitrag ist ebenfalls in Alpha Presse erschienen.

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